Ankunft auf der Südinsel und Queen Charlotte

Der Handy-Wecker funktioniert, und wir stehen wunschgemäß früh auf. Unsere Fähre legt ja schon um halb zehn ab, und wir müssen erst noch ein Stückchen Richtung Wellington fahren. Lena versucht, etwas zu treiben, aber ich meine, wir haben noch Zeit genug.

Tipps

  • Nicht zu spät Richtung Fähre los fahren! Zwischen Lower Hutt und Wellington muß man morgens mit Stau rechnen!
  • In der High Street in Picton gibt es einen Laden mit herrlichen Holzschnitzereien! Ein Besuch lohnt sich!
  • Der Blue Anchor Campground in Picton ist sehr empfehlenswert!
  • Der Queen Charlotte Drive ist ziemlich kurvig und stellenweise recht schmal. Man kommt nicht schnell voran.
  • Wenn Sie sich auf eine mehrtägige Tour begeben, nutzen Sie über das Visitor Centre den Service, Ihr Fahrzeug sicher unterbringen zu lassen. Kostet fast nichts.
  • Bei und nach ausgiebigen Regenfällen ist der Queen Charlotte Track stellenweise sehr schwierig zu gehen! Nehmt Wanderstöcke mit!

Als wir aber dann vor der Ausfahrt auf den Highway im Stau stehen, sehe ich das schon wieder etwas anders. Dennoch erreichen wir den Fährhafen rechtzeitig. Wir müssen auch gar nicht lange warten, bis wir in den Bauch des großen Schiffes hineinfahren können. Witzig ist hier, dass die Campervans vor uns am Bug der Fähre drehen und auf der anderen Seite wieder Richtung Heck fahren müssen. Es geht wohl nur hinten rein und auch wieder raus! Das hatten wir auch noch nie.

Cook Strait FähreDie Fähre ist ganz schön voll und die Fahrt selber ziemlich unspektakulär. Drei Stunden dauert die Überquerung der Cook Strait, und angeblich soll der Wellengang oft sehr rau sein. Heute haben wir „nur“ heftigen Wind, der einem aber fast den Atem raubt.

Während der Anfahrt auf Picton, dem Tor zur Südinsel, erlangen wir einen ersten Eindruck der grüngewellten Marlborough Sounds. In Picton angekommen, gelangen wir recht schnell an Land. Der Ort ist, wie die meisten in Neuseeland, nicht sehr groß, nur einige Tausend Einwohner. Zentrum ist die High Street mit ihren zahlreichen Geschäften vom Supermarkt bis zum Liquor Store, vom Angelgeschäft bis zum Andenkenladen, und diversen Cafés. In einem kleinen Bistro mit dem fantasievollen Namen „Le Café“ gönnen wir uns einen leckeren Snack zum Mittag. Und finden erneut ein tolles Souvenir: Ein kleiner Laden mit vielen aus Holz geschnitzten Kunstgegenständen hat es uns angetan. Im Schaufenster stehen drei wunderschöne Skulpturen, die schwimmende Delfine darstellen. Ich erinnere mich wieder an den Kanada-Urlaub, wo wir in einer Mall in Victoria ähnliche Schnitzereien mit Walen gesehen haben, die mir damals aber zu teuer erschienen. Anschließend habe ich mich jedoch geärgert, nicht solch eine Skulptur gekauft zu haben. Diesen Fehler wollen wir nicht noch einmal begehen. Also gehen wir hinein und kaufen das schönste und größte Exemplar mit drei Delfinen. Dabei lernen wir den Künstler selber kennen, einen netten kleinen Mann mittleren Alters, der sich darüber wundert, dass bei den vielen Arbeitslosen in der Gegend so wenig künstlerisch tätig sind. Er packt uns das Kunstwerk gut in einen riesigen Karton ein. Hoffentlich kriegen wir den heile mit nach Hause. Lena sucht sich noch eine hübsche Holzschale und ein Schmuckkästchen aus, und dann geht es zum Großeinkauf in den Supermarkt. Schließlich müssen wir unsere Vorräte mal wieder aufstocken. Um 16 Uhr schauen wir dann im Visitor Centre vorbei, um unsere weiteren Unternehmungen zu planen. Wir wollen ganz gerne ein Stückchen des Queen Charlotte Walkways wandern und erkundigen uns nach den Möglichkeiten, welche Startpunkte zu empfehlen sind und was es mit den Wassertaxis auf sich hat, die regelmäßig zwischen Picton und diversen Anlegestellen in den Marlborough Sounds verkehren. Wir nehmen uns einige Broschüren mit, die wir heute abend in Ruhe durcharbeiten wollen.

Queen Charlotte DriveDa der Tag noch nicht ganz vorüber ist, wollen wir noch einige Kilometer auf dem Queen Charlotte Drive fahren, einfach ein Stück aus dem Ort hinaus, um einen ersten Eindruck von der Gegend zu bekommen. Und dieser Eindruck sagt, dass man hier nicht sehr schnell vorwärts kommt; die Straße ist zu eng und zu kurvig. Dafür bietet sie an einigen Stellen hübsche Blicke über den Queen Charlotte Sound. Am späten Nachmittag quartieren wir uns auf dem Momorangi Bay Campground ein und finden einen Stellplatz fast direkt am Ufer. Leider ist es ziemlich frisch, so dass es sich wieder einmal nicht lohnt, Tisch und Stühle herauszuholen und draußen zu Abend zu essen.

Damit das verdaute Essen auch entsorgt werden kann, muss ich erst einmal wieder unsere chemische Toilette entleeren. Da es hier keine spezielle Dumping-Anlage gibt, schütte ich den Toiletteninhalt laut Empfehlung der Eigentümerin einfach in eine Kloschüssel hinein, mit dem Ergebnis, dass ich dieses mal wirklich fast umgekippt wäre! Meine Herr’n, welch bestialischer Gestank breitet sich da unter meinem malträtiertem Näschen aus! So schlimm war das ja noch nie! E-ke-lig! Aber da muss man durch. Auch der strengste Duft verzieht sich schließlich irgendwann…

Nach dem Abendessen wissen wir, wie es morgen weitergehen soll: Wir werden eine Tour mit „Dolphin Watch“ buchen, wo man die Tierwelt im Queen Charlotte Sound kennen lernt, und uns anschließend bei Ship Cove absetzen lassen. Dort landete einst James Cook, als er die Südinsel entdeckte. Von dort wollen wir zwei Tage auf dem Queen Charlotte Walkway marschieren und uns dann von Punga Cove von einem Wassertaxi abholen lassen. Wir sind gespannt, was uns erwartet.

Vielleicht noch etwas benommen von den am vorherigen Abend wahrgenommenen unschönen Düften stehen wir wieder mal recht spät auf und kommen erst so gegen 10 Uhr nach Picton zurück. Natürlich ist es zu spät für die morgendliche Dolphin-Watch-Tour, so dass nur die um Viertel vor zwei in Frage kommt. Die nette Frau im Visitor Centre muss jedoch erst nachfragen, ob heute überhaupt eine Fahrt gemacht wird, denn auch in den letzten Tagen war das Wetter hier wohl nicht so gut, so dass die Fahrten zum Teil ausgefallen sind. Aber heute findet doch eine statt, hören wir zu unserer Erleichterung. Das Wassertaxi wird auch gleich gebucht, und da das Wohnmobil auf dem öffentlichen Parkplatz während unserer Tour nicht unbedingt sicher steht, kümmert sich ein spezieller Service darum: Wir liefern den Schlüssel kurz vor Antritt der Bootsfahrt im Visitor Centre ab, dann kommt jemand und parkt unseren Campervan auf einem bewachten Parkplatz. Und am nächsten Tag, wenn wir mit dem Wassertaxi zurückkehren, wird uns unser Gefährt rechtzeitig wieder übergeben. Und das alles für nur 5 Dollar!

Da wir noch etwas Zeit haben, packen wir die Dinge, die wir für das Wandern und Zelten brauchen, in aller Ruhe zusammen und gehen anschließend zur High Street, einige Sandwiches essen. Schließlich sind wir soweit, geben den Campervan-Schlüssel im Visitor Centre ab und werden auch schon bald von einem alten Mann in einem alten Kleinbus abgeholt. „Seid Ihr die beiden für Ship Cove?“ fragt er uns, und wir nicken. Bald steigt eine alte Frau hinzu, und ab geht es in den Hafen eines nahen Nachbarortes von Picton.

Boot nach Motuara IslandMit uns steigt noch ein junger Mann in das kleine Boot der alten Leute, die sich als Les und Zoe Butterfly vorstellen. Der alte Mann jagt das Boot über die Wellen, während seine Frau viel über die hiesige Tierwelt erzählt. Auf der Fahrt Richtung Motuara Island, einem Naturschutzgebiet mitten im Sound, sehen wir einige Pinguine, eine Lachszuchtstation mit hungrigen Robben drum herum, aber leider keine Delfine, was insbesondere Lena sehr traurig stimmt. Um 16 Uhr erreichen wir Motuara Island, wo Cook damals erstmalig die britische Flagge gehisst hat. Zoe führt uns drei einen schmalen Pfad hoch und zeigt uns in den Boden versenkte Schaukästen, in denen Rotaugenpinguine nisten. So kann man die raren Tiere gut beobachten. Wenig später stochert sie mit einem Stock im Erdboden herum und lockt damit niedliche kleine Vögel an, die auf Wurmsuche sind. Es handelt sich um Robins, eine seltene Art, die hier auf der Insel wieder heimisch geworden ist. Schließlich erreichen wir nach stetigem Aufstieg einen Steinhaufen mit einer Gedenktafel an die Errichtung der britischen Flagge durch den berühmten Entdecker. Noch einen kleinen Holzturm hinauf, dann haben wir eine großartige Sicht über den Queen Charlotte Sound.

Weiter geht es mit dem Boot Richtung Ship Cove. Zoe schenkt uns noch einen Orangensaft ein, und wir dürfen uns mit Keksen für die bevorstehende Wanderung stärken. Um Viertel vor fünf endlich legt das kleine Boot dann an einem Holzsteg bei Ship Cove an, und Lena und ich verabschieden uns schwer bepackt von den beiden netten alten Leuten und dem anderen Passagier, der wieder mit zurück nach Picton fährt. Für uns beginnt hier nun ein weiteres Abenteuer!

Bis hierher haben wir Glück mit dem Wetter gehabt. Seit heute mittag hat es nicht mehr geregnet. Der steinige Strand, an dem ein weiteres Denkmal für Cook errichtet ist, wird von wärmenden Sonnenstrahlen beschienen. Nicht weit von uns hockt ein Entenpärchen und genießt das Licht. Bald machen wir uns auf den Weg in den Wald. Sofort geht es berghoch und wir stellen fest, dass die Sonne noch nicht überall den Regen vergessen gemacht hat: Der Pfad ist stellenweise sehr schlammig und rutschig, und so manches mal haben wir Probleme, überhaupt weiter bergauf gehen zu können. Gleich zu Beginn unserer Tour kommen wir so gut ins Schnaufen! Trotz dieser Unbill kommen wir schneller voran, als in den Broschüren angegeben. Leider führt der Weg fast ausschließlich durch Wald, und es gibt kaum Gelegenheit, die Aussicht genießen zu können. Um Viertel vor sieben erreichen wir die Resolution Bay, wo es einen Zeltplatz geben soll. Bereits fünfzehn Minuten vorher haben wir eine Abzweigung passiert, die zu einer Bucht hinunterführt, in welcher man ebenfalls hätte zelten können. Wir wollten jedoch lieber auf dem Weg bleiben. Aber hier müssen wir nun auch erst einmal ein Stück Richtung Bucht hinunter. Wir kommen an einer Toilettenkabine vorbei und gelangen inmitten üppiger Vegetation schnell an ein Haus mit Bootsanlegestelle. Nicht weit entfernt befinden sich einige kleine Holzhütten, in denen man offensichtlich übernachten kann: die sogenannten „Cabins“. Aber wo ist hier wohl der Zeltplatz, den man uns angekündigt hat? Wir entdecken nur ein kleines Fleckchen mit Gras direkt vor dem Haus, neben der Bootsanlegestelle. Das kann doch nicht alles sein?!

Auf der Veranda finden wir die Rezeption, aber kein Mensch ist hinter der Glasscheibe zu sehen. Ich bimmele kräftig mit der Glocke, die hier hängt, aber niemand reagiert. Ein Versuch, die daneben befindliche Tür zu öffnen, scheitert. Am rechten Rand der Veranda sehen wir eine weitere Tür. Diese ist unverschlossen, und ich ziehe meine dreckigen Wanderstiefel aus, trete ein und finde mich in einem Speisesaal wieder. Vier junge Leute sitzen hier und essen zu Abend. Ich frage in den Raum hinein, ob jemand für die Rezeption da ist, und man schickt mich durch den Flur in die Küche, wo ich den Hausherrn vorfinde. Auf meine Frage nach einem Zeltplatz für die Nacht nimmt er mich wieder mit nach draußen und zeigt Lena und mir verschiedene Möglichkeiten. Zunächst weist er uns auf den Grasflecken vor seiner Haustür hin, den wir schon kennen, führt uns dann aber über das weitläufige Grundstück auf eine Pferdewiese, auf der ein einsames Tier grast. Überall liegen die Hinterlassenschaften des Pferdes herum, und der Mann gibt einem Apfel einen derben Tritt. Nicht besonders schön hier, um ein Zelt aufzuschlagen. Wir erinnern uns sofort an unsere Tage in den französischen Pyrenäen, wo sich ein Zeltplatz plötzlich in eine Pferdeweide verwandelt hat… Da wir nicht sofort begeistert sind, führt er uns noch weiter den Hang hoch, wo wir weitere kleine Hütten vorfinden. Hier ist ausreichend ebenerdiger Platz für unser Zelt, und vor allem ist er abgetrennt von der Pferdewiese! Hier bleiben wir. In der Nähe befindet sich auch eine Waschgelegenheit: eher ein Provisorium als einen Waschraum stellen die zwei überdachten Waschbecken dar. Anschließend führt uns der Mann in eine große Hütte, die man als Küche nutzen kann. Uralte Gasherde, ausgemusterte Regale sowie zahlreiche Tische und Bänke mimen die Einrichtung. Vor ein paar Tagen sei hier eine Schulklasse gewesen, und er habe noch nicht die Gelegenheit gehabt, hier aufzuräumen, meint der Mann entschuldigend. Aber wir sind zufrieden und bedanken uns. Hier werden wir unser Abendessen einnehmen. Wenigstens regnet es hier drinnen nicht. Bezahlen können wir später oder morgen früh, meint der Mann. 5 Dollar pro Person sind aber immer noch ein stolzer Preis, denke ich. Sei’s drum. Zum ersten mal in Neuseeland bauen wir heute unser Pyrenäen-erprobtes Zelt auf und richten uns anschließend in der Küchenhütte häuslich ein. Sämtliche Essensvorräte und Getränke, Gaskocher und -kartuschen und die neu erworbene Gaslampe werden auf dem morschen Tisch ausgebreitet. Leider haben wir nur eine Gaskartusche mit, so dass wir noch schnell im Hellen kochen müssen. Erst anschließend können wir die Lampe entzünden und hier drinnen lesen, während es draußen finsterlt.

Vor dem Essen kehre ich noch einmal zum Haupthaus zurück und entrichte den Obolus für die Übernachtung. Draußen ist es mittlerweile etwas ungastlicher geworden. Heftiger Wind kommt auf und zerrt an unserem Zelt. Aber die Tunnelform bewährt sich; es hält. Gut, dass wir uns in der Holzhütte aufhalten können; hier drinnen wärmen wir uns an unseren mit Wasser und Trockenmilchpulver erhitzten Fertignudeln, die sogar ganz gut schmecken. Dazu etwas bereits im Wohnmobil zusammengemixte Apfelschorle oder etwas Cola, die ich fast immer dabei habe, für den seltenen Fall, dass mir mal übel werden sollte. Na ja, eigentlich trinke ich sie so auch mal ganz gerne…

Draußen wird’s so langsam dunkel und der Wind lässt etwas nach. Lena muss mal aufs Klo, doch wo war das noch? Mit der Gaslampe in der Hand stapfe ich durch die leicht erhellte Dunkelheit und suche in der Nähe unserer Waschgelegenheit, finde aber nur eine ausgemusterte Kloschüssel, auf die sich nun wirklich niemand setzen kann. Das kann doch wohl nicht die Toilette sein, denke ich mir. Also gehen Lena und ich vorsichtig den Hang hinunter, und ich frage den Mann, wo denn eine Toilette sei. Überrascht erklärt er mir, dass er es uns doch gesagt hätte: rechts um die Waschbecken herum. Ja, und da ist sie dann auch, und sie ist auch akzeptabel.

Dann wird es Zeit für die Nachtruhe. Aber so ruhig ist die Nacht dann nicht; der Wind wird wieder stärker und zerrt sehr an den Zeltwänden, außerdem regnet es heftig. Was das morgen wohl gibt? Mühsam betten wir uns auf die schmalen Isomatten und kriechen in die Schlafsäcke. Ist das eine Qual auf diesem harten Boden! Zum ersten mal liege ich besser auf dem Bauch als auf dem Rücken und kann so auch einigermaßen gut schlafen.

Irgendwann höre ich wieder die Vögel lärmen. Es ist zwar schön, nicht durch einen hässlichen Weckerton wach zu werden, sondern durch das Gezwitscher und Gepfeife unserer gefiederten Freunde, aber es ist jedes mal noch so früh! Sechs Uhr ist es jetzt. Also bleibe ich liegen. Bis 8 Uhr, dann stehen wir auf und müssen feststellen, dass es draußen regnet. Schnell ziehen wir uns an, die Morgenwäsche fällt nicht sehr üppig aus. Unsere Essensvorräte haben wir in der Holzküche gelassen, wo wir dann auch unser Frühstück einnehmen: Instantkaffee und portionsweise abgepackte Cerealienmischungen, die wir in mit Wasser angerührtes Trockenmilchpulver versenken. Schmeckt lecker, aber mit dem einheimischen Pulver sind wir nicht ganz zufrieden. Das „Glücksklee“-Trockenmilchpulver, das wir in den Pyrenäen dabei hatten, löst sich viel besser im Wasser auf.

Um halb zehn haben wir das Zelt im Nieselregen abgebaut und machen uns auf den Weg. Missmutig stellen wir fest, dass der Regen dem Pfad nicht gut tut, überall ist es matschig und stellenweise äußerst rutschig. Der Regen wird immer stärker, und plötzlich gibt der schlammige Boden unter mir nach, rücklings senke ich mich dem Boden entgegen und kann mich gerade noch mit der rechten Hand abstützen, so dass ich nicht im Matsch lande. Ein kleiner Riss in der Handfläche ist der Preis, den ich zahlen muss. Meine Hände sind voller Dreck, und mit Mühe finde ich noch einen sauberen plzfel an meinem Taschentuch, mit dem ich die blutende Wunde bedecken kann.

Irgendwann in dem ewig währenden Regen erreichen wir einen Strand, wo ich das Tuch halbwegs säubern und die Wunde auswaschen kann. Mann, mann, was ist denn heute mit dem Wetter los? Das hört ja gar nicht mehr auf! Mittlerweile sind unsere Hosen klitschnass; wir hätten rechtzeitig die Regenhosen überziehen sollen – jetzt nützt das auch nichts mehr! Wir haben immer gehofft, es hört gleich auf. Und dann würden unsere Trekkinghosen schnell wieder trocken sein. Aber Pustekuchen. Zudem kommen wir heute offensichtlich viel langsamer voran als für die Strecke angegeben, kein Wunder bei den Verhältnissen! Heute macht es wirklich keinen Spaß, und als wir am Endevor Inlet angelangen, haben wir die Schnauze voll. Wir beschließen, unsere Tour bereits hier an der Furneaux Lodge, dem „Pub ohne Straße“, zu beenden und von der hiesigen Anlegestelle aus das Wassertaxi zurück nach Picton zu nehmen. Es wäre ohnehin knapp geworden, rechtzeitig bis heute nachmittag 16 Uhr auf die andere Seite der Bucht nach Punga Cove zu gelangen, von wo wir eigentlich zurückfahren wollten. Dorthin hatten wir auch das Taxi bestellt. Das müssen wir natürlich noch ändern.

Furneaux LodgeVöllig durchnässt, zumindest an den Beinen, fragen wir bei der jungen Angestellten in der Furneaux Lodge nach, ob wir uns irgendwo umziehen können. Sie schickt uns daraufhin in die öffentlichen Toiletten, die etwa hundert Meter entfernt liegen.

Schon wieder durch den Regen! Ab in die kleine Holzhütte, und schnell umgezogen und trockengerubbelt. Es ist schon ein bisschen verkehrte Welt, dass die einzigen trockenen Hosen, die wir jetzt anziehen können, ausgerechnet unsere Regenhosen sind…

Etwas durchgeweicht kehren wir zur Lodge zurück und lagern unsere Rucksäcke draußen auf der überdachten Veranda. Nun gilt es noch, die Sache mit dem Wassertaxi zu klären. Auf unserer Buchungsbestätigung finden wir eine Telefonnummer, und die junge Angestellte in der Bar zeigt uns das Telefon. Aber irgendwie komme ich damit nicht klar. Erst wählen, dann Gespräch beginnen und anschließend zahlen – aber nachdem ich die ersten Worte gesprochen und 20 Cents eingeworfen habe, ist die Leitung tot. Hm. Da hole ich doch lieber das Mädchen zu Hilfe. Schließlich übernimmt sie es dann ganz, die Reservierung umbuchen zu lassen. Das klappt dann auch problemlos.

Uns ist kalt, und wir haben Hunger. In der Bar genehmigen wir uns einige Tassen Kaffee und heiße, leckere Toasts. Irgendwie müssen wir ja die Zeit rumkriegen, bis das Boot den Anleger der Lodge erreicht. Um 15 Uhr soll es ankommen. Aber dann teilt uns das Barmädchen mit, dass das Boot einen Motorschaden hat und später kommen wird. Offensichtlich hat man hier immer Funkkontakt mit den Wassertaxis; das hört man auch an den rauschig verzerrten Stimmen, die in unregelmäßigen Abständen aus einem versteckten Lautsprecher dringen.

Wir seufzen kurz und akzeptieren, uns bleibt ja auch nichts anderes übrig. In der Zwischenzeit sind noch mehr vor Nässe triefende Gestalten aus dem Wald gekommen, haben hier Unterschlupf gefunden und warten auf das Boot. Natürlich ist auch eine Deutsche dabei, die uns erzählt, sie sei die ganze Zeit auf der Südinsel schon von Regenfällen verfolgt worden. Und das Touristenmekka Queenstown ist Opfer von Überschwemmungen geworden. Pässe mussten gesperrt werden und Touristen hingen fest; das soll ein ganz schönes Chaos gewesen sein, und es dauert noch an! Das macht uns nicht gerade Mut für die nächsten drei Wochen…

Das Taxi verspätet sich noch mehr, aber um 17 Uhr legt es dann endlich an dem hölzernen Steg an. Zusammen mit der anderen Deutschen und ihrer Begleiterin betreten wir das Boot, das von einem gemütlichen Herrn mittleren Alters gesteuert wird. Gemächlich geht es hinüber nach Punga Cove, wo noch zwei weitere Deutsche zusteigen. Während der Skipper das Boot routiniert nach Picton bringt, erzählt er einige interessante Dinge. Zum Beispiel, dass die meisten Leute, die hier in den Buchten einsam und ohne Straßenanbindung wohnen, gar kein eigenes Boot haben, sondern sich gänzlich auf den Wassertaxi-Verkehr verlassen und beschränken. Und ihm selber gehört dieses Boot auch nicht, er ist nur Angestellter. Und er hat eine Überraschung für uns: „Hollmann?“ fragt er, und als ich bejahe, überreicht er mir den Wohnmobilschlüssel. Auf meinen erstaunten Blick hin bemerkt er leicht amüsiert, aber auch mit einem gewissen Stolz in der Stimme: „Yeah, we’re organized here!“ Dem kann man nur zustimmen. Und tatsächlich: Auf dem Parkplatz am Kai in Picton steht unser Campervan und wartet schon sehnsüchtig auf uns. Oder besser: Wir warten sehnsüchtig darauf, uns für einen trockenen und gemütlichen Abend einzurichten.

Dieses mal fahren wir nicht weit. Schon wenige Straßen weiter finden wir den ausgezeichneten Blue Anchor Campground, der zu den Top Ten auf der Südinsel gehört. Genauso teuer wie alle anderen, aber wirklich gut ausgestattet. Witzig: „Blue Anchor“ heißt auch die „streichfähige Butter“, die wir uns immer auf das fluffige Brot schmieren…

Um 18 Uhr richten wir uns hier häuslich ein. Zunächst waschen wir einmal die gequälten und durchnässten Klamotten durch, duschen dann auch selber, um wieder aufzutauen, und genießen anschließend Nachos und Wein. Ah, das tut gut. Aber der Überraschungen war es noch nicht genug heute. Als ich um 19 Uhr 30 die Wäsche aus dem Trockner holen will, ist die Tür zu dem kleinen Häuschen abgeschlossen. Schnell hin zur Rezeption! Hoffentlich ist die noch offen… Leider ist schon alles dunkel, aber ich sehe noch eine Frau drinnen herumturnen, und ich klopfe an die Glastür. Sie öffnet tatsächlich, und ich berichte ihr von der eingeschlossenen Wäsche. Ihr Mann schließe jeden Abend die Türen ab, sagte sie mir, und er sei noch auf dem Platz unterwegs. Wenn ich ihn nicht sehen würde, würde sie ihm bescheid sagen, dass er noch einmal aufschließe, schlägt sie hilfsbereit vor. Ich warte einige Minuten vor dem Trocknerhäuschen, bis der Campingplatzwart auch tatsächlich vorbeikommt und mir noch einmal aufschließt. Wer weiß, anderswo hätte man sich vielleicht stur gestellt…?!

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